Hell. Dunkel - klinke.studio

Hell. Dunkel

Hell. Dunkel

written on 1st of august 2016 at 3:12 am

Hell.
Dunkel.
Hell.
Dunkel
Hell. Dunkel
Hell, Dunkel.

Die Stahltür vor meinen Augen fällt in ihre Angeln. Die Wucht des Schlages war im ganzem Raum zu spüren. Laut und Mächtig. Laut in einer erdrückenden Stille. Einer Schwärze. Ein totales Nichts. Der Schall des Türschlags erschütterte den Boden. Die Decke. Die Luft. Mich. Ich versuchte es zu begreifen, was von sich ging.

Ich sah einen lichten Punkt im Gemäuer. Es musste ein kleines Fenster zur Außenwelt sein. Eine Welt, die mir schon mein ganzes Leben fern blieb. Eine Welt, die jeder verstehen konnte. Jeder verdammte Mensch auf dieser großen Welt. Nur ich nicht. Jedesmal, wenn ich versuchte aus meinem kleinem Fenster zu blicken, wurde ich geblendet. Geblendet vom Sonnenlicht, das meine Augen nicht gewöhnt waren. Meine Augen. Meine müden Augen. Meine armen müden Augen. Ich selbst weiss nicht warum ich welche habe. Ich habe sie doch noch nie benutzt. Alles was ich sehe ist Schwärze. Alles was ich sehe ist nichts. Doch dann gibt es diesen kleinen Punkt. Doch ich kann die Farben der Welt nicht erkennen. Meine armen Augen. Was ist nur los mit meinen armen müden Augen.

Ich verspürte Schmerz in meinem ganzen Körper. Er fühlte sich an, als würde ich durch die Meere der Antarktis gezogen. Er fühl sich an, als würde ich wie eine Ketzer verbrannt werden. Er fühlte sich an, als würde ich von tausend Pfeilen durchbohrt. Es war ein Schmerz, wie ich ihn mir bei vorstellen konnte. Es war ein Schmerz, wie ihn sich wohl keiner vorstellen konnte. Doch ich spürte ihn. Tag für Tag. Woche für Woche. Seit meiner Geburt. Es ist ein Schmerz, der so schrecklich ist, dass er alle anderen Gefühle, alle anderen Sinne um mich herum schwächt. Übertrumpft. In den Schatten stellt. Ich sehe nichts. Ich rieche nichts. Ich schmecke nichts. Ich fühle nichts. Ich fühle nur diesen unglaublichen Schmerz in mir. Doch selbst ihn fühle ich nicht mehr.

Ich versuche aufzustehen. Doch meine Beine versagen. Ich versuche aufzustehen. Doch meine Beine versagen. Ich versuche aufzustehen. Doch.. Ich komme nicht von der Stelle. Ich bin zu schwach. Ich spüre, wie meine Beine immer weicher werden. Ich spüre, wie meine Knie immer mehr unter meinem Gewicht zusammen brechen. Zerstörung. Ich versuche aufzustehen. Ich versuche der Leere meines Raumes zu entfliehen. Doch meine Beine versagen.

Ich stecke meine rechte Hand aus. Nach Oben. wohl in der Hoffnung jemand würde sie greifen und mich mit sich ziehen. Doch Oberhalb von mir: Leere. Ich rudere mit meiner Hand herum. In Kreisen. Rechtecken. Ja sogar Ellipsen. In allen mir erdenklichen Formen. Doch keiner greift sie.

Wo bin ich? Was mache ich hier? Warum zum Teufel verdammt bin ich hier alleine?

Ich versuche aufzustehen. Doch meine Beine versagen.

Ich höre Geräusche. Schritte. Stimmen. Sie werden immer lauter. Ob sie mir wohl näher kommen?

Ich versuche aufzustehen. Doch meine Beine versagen.

Die Dunkelheit um mich herum wird immer intensiver. Immer schwärzer. Von Eigengrau zu Elfenbeinschwarz. Dunkel wie das Nichts des weiten Universums. Ich höre ein lautes Schieben. Ein Klacken . Noch ein Schieben. Es war so laut, ich spürte die Frequenzen in meinem Herzen. Ich höre erneut Stimmen. Es war eine Gruppe von Stimmen. Es waren Stimmen, die, wie ich mir dachte, klangen, als wären sie aus der realen Welt. Als wären sie von Draußen. Dem Draußen, dass ich nie erfahren konnte und werde. Ich höre es zum ersten mal.

Ich versuche aufzustehen. Ich wollte versuchen mich an die Tür meines Verließen anzulehnen. Ich wollte lauschen und hören über was sie sprechen. Doch meine Beine versagen. Ich nahm also all meine Kraft in mich. Die Kraft, die mir die letzten neunzehn Jahre fehlte. Eine Kraft, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existierte. Der Schmerz in mir wurde größer. Aus den hundert Pfeilen wurden tausend. Aus der Kälte des Eises wurde die Kälte des Alls. Aus der Hitze des Feuers, die Hitze des Sonne. Es war schrecklich. Desto mehr meiner letzten verblieben Kraft ich einsetzte, um so größer wurde mein Schmerz. Ich wurde von innen heraus zerfleischt. In Stücke gerissen. Das Blut lief mir aus allen Gefäßen meines Körpers. Doch ich schaffte es. Zentimeter für Zentimeter kroch ich der Tür entgegen. Ich steckte meine Arme aus. Klammerte mich in den kalten Stein des Bodens und zog. Ich zog bis ich nicht mehr konnte und versuchte den nächsten Stein zu greifen.

Die Stimmen wurden immer lauter. Die Stimmen wurden immer deutlicher.

Ein Schlag ins Gesicht. Ein Schlag so stark, dass alle meine Sinne ausgefallen sind. Das Dunkel vor meinen Augen wurde zur schwärzesten Nacht die ich je sah.

Als ich zu mir kam lag ich auf einer Bank. Einer dreckigen versifften Bank in der Mitte eines Spielplatzes. Es war Nacht. Ich hörte, wie der Wind mit der Schaukel spielte. Das Quietschen durchzog meinen ganzen Körper, wie ein Messer, dass einen sauberen Schnitt von der Kehle bis zum Bauchnabel zieht.

Ich hörte schon wieder diese Stimmen. Die Stimmen von vorhin. Wann war eigentlich dieses vorhin? Wie lange war ich weg? War ich weg, oder bin ich nur aufgewacht? Oder schlafe ich gerade?

“Wie geht es dir?”, schallt von überall herein.
“Wie geht es dir?”.
“Wie geht es dir?”.
“Wie geht es dir?”.

Jedes mal aus einer anderen Richtung. Jedes mal von einer anderen Stimme. Ich wollte antworten. Jedoch hatte ich keine Stimme.

Ich öffnete meine Augen. Alles war hell. Ich war geblendet von einem diffusem Licht, dass mich in seiner Ganzheit umgab. Ohne Vorne. Ohne Hinten. Ohne Rechts und Links. Kein Oben und kein Unten. Dieses Licht war durchzogen von einem lautem und gleichmäßigem Pfeifen. Schlimmer als das Quietschen von vorhin. Schrecklicher und durchdringender als alles zuvor. Der Schmerz wurde Schlimmer. Ich wurde auseinandergerissen. Stück für Stück. Erst die Finger, dann die Zehen. Dann die Augen.

In all dem Weiß tauchten plötzlich zwei große schwarze Augen auf. Augen ohne Kopf. Nur Augen. Sie blickten mich an. Es war ein stählerner Blick. Ein Blick, die mich durchbohrte wie das Licht eines Lasers. Ich fühlte mich beobachtet und verlassen zugleich. Ich lag da. Unbeweglich. Ich konnte nichts gegen den Schmerz machen. Nichts. Ich war hilflos.

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    author = {Fabian S. Klinke},
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